Eigenes

Eigene Texte und Vertonungen

Eigene Texte

Seit meiner Studienzeit schreibe ich Gedichte. Die meisten sind das Resultat eigener, emotionaler Befindlichkeit. Andere Texte entstehen in thematischer Auseinandersetzung. So werden Gedichte und Texte gleichsam zu Seelenspiegeln.

Eine besondere Herausforderung liegt für mich in der Zusammenarbeit
mit anderen Künstlerinnen und Künstlern, wie mit der in Mailand und
im oberhalb des Comer Sees liegenden Dorf Naggio lebenden Malerin Antje Stehn (Foto), mit der ich bereits drei gemeinsame Ausstellungen erarbeitete und durchführte.

1992„Begegnungen“ – Auf Einladung der Stiftung Landdrostei in der Landdrostei Pinneberg

2001„Horizonte“ – Auf Einladung des Kunstkreises Schenefeld im Rathaus Schenefeld

2006 „Baustelle Zeit“ – Auf Einladung des Kunstvereins Elmshorn im Torhaus in Elmshorn

Antje Stehn: Eckstein

Baustelle Zeit

zeitenlos brennende zeit
fragende zeichen dein kleid

wahrheit verklingender wind
kratzt das noch wissende blind

drehend an sandiger Uhr
wettenlauf gegen die spur

sichernd das selbst in der hand
baustelle zeit unser land

Anna Haentjens

Zuflucht Gedicht

Ort für das Sein
Bleibe zum Leben
zum Sterben

In dir mich befrein
von allem Weh
und Verderben

Anna Haentjens

Bekenntnis

Fragt ihr mich nach dem Idol,
das meine Schritte lenkt,
dann weise ich auf meinen Kopf,
der hoffentlich noch lange Zeit
für sich selber denkt.

Verweise auch auf meinen Leib,
der wohl keinem gleich,
mit dem ich hier so vor euch steh,
rauh gestimmt und bleich.

Bring euch meine Lieder mit,
denen ihr wohl glauben könnt,
die euch nichts verhehlen,
weil sie ohne Schminke sagen,
was sie sind.

Versteckt ich mich ein Leben lang
in einem Lügenkleid,
mit fremden Federn ausstaffiert,
dann müsst ich sofort gehn,
wisst ihr jetzt Bescheid?

Kann nur so sein, wie ich bin,
weil ich sonst noch mehr verlier,
muss einfach vor euch stehn
und meine Lieder singen,
weil ich sonst erfrier.

Worte: Anna Haentjens
Musik: Manfred Schmitz

Bloß keine Mittelmäßigkeit

Bloß keine Mittelmäßigkeit,
das kann ich nicht ertragen,
denn dieses Gleichmaß macht mich alt
und dieses Nur-Nichts-Wagen.

Der Lebensmut verliert an Kraft,
und du wirst klein und kleiner.
Und wie sieht dann das Ende aus?
Vermisst dich jemand? – Keiner!

Fall lieber auf die Schnauze!
Mensch, du stehst schon wieder auf!
Bloß keine Mittelmäßigkeit,
da gehst du wirklich drauf.

Was ich auch tu, das tu ich ganz,
mit Haut und Haar und allem.
Ich frag nicht nach: Was könnte sein?
Tu nichts mehr zum Gefallen.

Worte: Anna Haentjens
Musik: Norbert Linke

Große Welt

In uns
die Kindertage
singen ihr Lied

Gewesen
die Wahrheit
der Phantasie

Kleine Welt
wir hatten doch
Flügel

Anna Haentjens (für meinen Vater)

Mit dem Maler und Grafiker
Winfried Wolk

Trauriger Clown

Hinter der Stirn
Herzblut und Hirn
Hoffnung die eigene Welt

Sicht offenbart
Nichts ausgespart
Wahrheit in Licht gestellt

Trauriger Clown
Hüt dich zu traun
Spiel mit den Farben dein Lied

Schreib an die Wand
Zirkus in Brand
Zeig was ein andrer nicht sieht

Binde dem Schein
Schellen ans Bein
Auch wenn die Lüge tritt

Masken zum Tanz
Gaukelnder Glanz
Drehst du den Spiegel nicht mit

Trauriger Clown
Hinter dem Zaun
Wo sich die Welt nicht mehr kennt

Lachen lacht aus
Auch ein Applaus
Siehe: das Leben brennt

Worte: Anna Haentjens (für Winfried Wolk)
Musik: Sven Selle

Für Jacques Brel

Hast dich aus der Welt gebrannt,
ausgeweint die Seele.
Herzenslieder übers Land,
zugeschnürt die Kehle.

Wahrheit aus dem Leib geschrien,
keinen graden Weg,
Suche nach dem Wunderland,
niemals sicheren Steg.

Suche bis zum Seelengrund,
Feuer fraß dich auf.
Brachtest dich um den Verstand,
letzter Ausverkauf.

Körper wollte seine Ruh,
hat’s nicht mehr geschafft.
Bist gegangen vor der Zeit:
Keiner gab dir Kraft.

Worte: Anna Haentjens
Musik: Manfred Schmitz

Vor dem „Sonnenhof“ auf Langeoog
(Lale Andersens Wohnhaus nach dem Zweiten Weltkrieg)

Lale Andersen

(Die Lore-Lei der Meere)

Mythos mit der Schwarzbrotstimme
Legende durch ein Lied
Deine Welt war das Meer
Doch kein Hafen für dich
du suchendes Schiff
auf der Lebenssee

Dein Herz ohne Anker
sang in Kulissen der Zeit
sang von treulosen Ufern
von gekapertem Glück
gekenterten Träumen
von Matrosengeschick

Rauhwindklänge deiner Kehle
versprachen Trost
manch heimwehferner Einsamkeit

Du selbst mit deinen Horizonten
Gefangene im Sehnsuchtsweh
der eigenen Ruhelosigkeit

Anna Haentjens

Mit dem Komponisten
Norbert Schultze und
Brigit Salvatori-Schultze 1993

Liebes Leben

Meine Heimat wohnt in mir,
habe sie gefunden,
irrte wahllos kreuz und quer,
Jahre, Tage, Stunden.

Fremder bin ich mir gewesen,
meine Seele schien verschneit.
Traf ich meine Jugend wieder,
warn vergessen Schmerz und Leid.

Liebes Leben, du bist schön,
lässt dich nicht erkaufen.
Glaube, Hoffnung helfen mir,
lassen mich nicht laufen.

Keine Lüge möchte ich leben,
leb mit der Vergangenheit.
In die Zeit bin ich gegeben,
trag mich in die Ewigkeit.

Worte: Anna Haentjens  (für Norbert Schultze)
Musik: Norbert Schultze

Wir können nur ein Stück aus unserer Haut

Wenn Gründe erschüttert sind,
wächst die Verzweiflung,
oder das Suchen beginnt.

Manchmal bleibt man stehn:
Was hab ich erreicht
mit meiner Unbeherrschtheit,
meinem Fragen?

Wär‘s nicht besser gewesen
zu schweigen,
weiterzumachen
wie seit Generationen,
anstatt aus falscher Demut
auszusteigen?

Wir können nur ein Stück aus unserer Haut,
denn in und mit uns leben Traditionen.

Wir bauen unser Leben wie ein Haus.
Da wohnen wir mit ihnen,
mit den Ahnen.
Da wohnt die Zukunft
mit den kommenden,
den nachgeborenen Generationen.

Wir bleiben stehn und stellen fest:
Das Leben schenkt uns alles,
schenkt uns nichts
und wird auch unsere Kindeskinder
niemals schonen.

Anna Haentjens

Bildcollage von Johanna Eglau mit Gedicht von Anna Haentjens „Im Viertel, wo die schwarzen Engel wohnen“ (Ausstellung „Eine Liebe – zwei Künstler“ mit Werken von Otto und Johanna Eglau im Torhaus Elmshorn, August 2013)

Sich halten

Sich halten – mit sich
und dem anderen gehn,
zusammen in Tag und Jahr
und immer in keiner Kälte stehn.

Vertraut in Lust und Kummer
ohne Arg und miteinander finden,
was sich dem andern
in dessen Einsamkeit verbarg.

Im Dasein sein und bleiben,
sich auch im Streit ansehn
und als gesagt das Schweigen
des andern verstehn.

Auch noch in weiter Ferne
einander spürn,
geben – und doch sich niemals
in der Welt des andern verliern.

Sich halten – mit sich
und dem anderen gehn,
zusammen in Tag und Jahr
und immer in keiner Kälte stehn.

Worte: Anna Haentjens
Musik: Manfred Schmitz

Early Bird

Early Bird: Gestutzte Flügel.
Großes Glas braucht länger Zeit.
An der Theke Dauerlaufen,
neuer Suff und alter Streit.

Kippen träumen in der Asche.
Paare drehen sich zu weit
ohne Schwung auf ihre Weise.
Begierde streicht um manches Kleid.

Wer lässt sich hier schon gern vertreiben?
Draußen Dämmerstunde schon.
Dann ein Weckruf hinterm Zapfhahn:
Lauthals schrillt das Telefon.

Spur der Schnäpse auf den Tischen
locken weiter Nachschub hin.
Hastig schmatzen enge Lippen,
und der Bierschaum klebt am Kinn.

Wünsche werden weg getrunken,
bis das Hirn sich nicht mehr kennt.
Abgefüllte Träume lallen,
wenn die Zunge stammelnd spinnt.

Letzter Aufruf will nach Hause,
noch den allerletzten Wein.
Und die Tür will mit dir tanzen:
Endlich draußen – so allein!

Worte: Anna Haentjens
Musik: Manfred Schmitz

Foto © Brigitte Feldtmann

Du Land mit den Deichen und Wiesen

Du Land mit den Deichen und Wiesen,
dahinter die Weite beginnt,
und über der Weite Himmel,
die immer verschieden sind.

Rotglute Abendsonnen
vertrösten auf morgen den Tag,
verweisen die bleichen Monde
auf das, was im Nachtschatten lag.

Sehnsucht wird hier geboren,
verwachsen mit Menschen und Wind,
vergrabene, uralte Trauer
um Dinge, die nicht mehr sind.

Du Land mit deinen Gezeiten,
Ruhe und Sturm zugleich –
hab mich in dir gefunden,
machst meine Seele reich.

Worte: Anna Haentjens
Musik: Manfred Schmitz

Hier und jetzt

Ich weiß, das Land steht hinter mir,
das mir so viel gegeben hat.
Und weiß, ich lebe jetzt und hier,
in diesem Land, in dieser Stadt.

Und möchte geben,
was ich geben kann,
weil ich die Menschen,
die Menschen lieb.

Ich weiß, ich bin nur einmal hier,
in diesem Land, in dieser Stadt.
Und weiß, ich finde mich in dir,
in dir mein Land, in meiner Stadt.

Und möchte leben,
wenn ich leben kann,
weil ich das Leben,
das Leben lieb.

Ich weiß, die Freunde, die sind hier,
in dir, mein Land, in meiner Stadt.
Und weiß, die Freunde bleiben mir,
in meinem Land, in meiner Stadt.

Und wenn ich gehe
in ein fernes Land,
bleibt meine Sehnsucht,
bleibt meine Sehnsucht hier.

Worte: Anna Haentjens
Musik: Manfred Schmitz

Foto © Brigitte Feldtmann

Im Norden

Unter den Himmeln
aus Schwermut und Sturm
verschwimmen die Zeiten
wie Ebbe und Flut

Fernwehe Vogelwolken
irren schwirrendem
Treibgut gleich
an rauhreifem Horizont

Rabenschrei duckt sich
in kahlem Gezweig
bis über dem Watt
der Winter verklirrt

Morgen wie Abend
fegt Novembertrauer
das flache Land

Windschiefe Lächeln
verkrusten grußlos
auf frostiger Haut

In den Knicks
bekauern Nebel
ein lärmendes Schweigen

Salziges Wort
bewohnt Küste und Meer
verliert sich sprachlos
in frierende Weiten

Manchmal nur
klettert nachts
ein rapsgelber Mond
auf den Deich

Grenzgänger zwischen
Tag und schützendem Traum

Anna Haentjens

Kreuzfahrt – MS Deutschland – 2013

Über die Meere

Schiffe fahren zum Horizont,
tragen Fernweh nach Haus,
zigeunern auf Meeren vor dem Wind,
schicken Sehnsucht voraus.

Heimwehe Lieder begleiten die Fahrt
unter Himmeln aus Ewigkeit.
Abschied wartet an der Pier,
wie die Wellen zählende Zeit.

Über die Meere ziehen sie fort,
Salzwasserfieber im Blut,
auf Wasserstraßen zum Horizont
und immer das Fernweh.

Fremde Häfen versprechen das Glück,
Kehrwieder und weite Welt.
Keine Wurzeln die Liebe hier schlägt,
keiner ist da, der sie hält.

Über die Meere ziehen wir fort,
Salzwasserfieber im Blut,
auf Wasserstraßen zum Horizont
und immer das Fernweh im Blut.

Worte: Anna Haentjens
Vertonungen von: Manfred Schmitz und Sven Selle

Eigene Vertonungen

Während meiner Studienzeit begann ich mit dem Vertonen von Gedichten. So vertonte ich u.a. Texte von Wilhelm Busch, Adelbert von Chamisso, Matthias Claudius, Heinz Erhardt, Valeska Gert, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Hermann Hesse, Georg Heym, Heinz Kahlau, Mascha Kaléko, James Krüss, Christine Raudies, Gisela Steineckert, Theodor Storm und eigene Texte.